Was mich bewegt

Wir gehen morgens aus dem Haus, und alles ist wie immer: Während wir zur Arbeit oder zum Einkaufen gehen, treffen wir die Menschen, die wir jeden Tag sehen. Sie gehen ebenfalls zur Arbeit, zum Einkaufen, oder sie führen ihren Hund aus. Vielleicht tauscht man ein Lächeln aus, vielleicht scheint sogar die Sonne. Diese Szenerie ist frei von Hunger, Krieg oder Seuchen. Kurzum: Deutschland geht es gut.

Am gedanklichen Horizont scheinen sich derweil weniger schöne Dinge abzuspielen. Die Finanzwirtschaft ist mächtiger geworden als die Realwirtschaft, einzelne Banken systemrelevant. Die totale Überwachung aller Bürger durch Staat und Geheimdienste ist technisch möglich geworden. Außerdem haben wir so ein diffuses Gefühl, dass uns der Klimawandel bedrohen könnte. In den Nachrichten ist die Rede von antibiotikaresistenten Keimen, die auf dem Vormarsch seien. In Bangladesh sterben Hunderte Menschen in einer Textilmanufaktur. In Afrika scheinen sich viele Länder nur sehr langsam zu entwickeln. Zu keinem dieser Dinge zeigt die Regierung eine eindeutige Haltung.

Im Alltag ist davon sowieso nichts zu spüren. Wir gehen unseren alltäglichen Handlungen nach. Wir sind mit dem Auto unterwegs, und falls wir berufstätig sind, tun wir unser Möglichstes für die Wertschöpfung. Es wird Herbst, und wir kaufen eine neue Jacke. Am Wochenende gehen wir mit Freunden lecker essen bei Maredo. Diese Dinge sind für uns selbstverständlich, denn damit sind wir aufgewachsen. Wir verfolgen nur die besten Absichten. Und Angela Merkel verspricht uns, dass alles gut sei.

Es erscheint folglich irgendwie unwirklich, wenn man uns sagt, dass die Art, wie wir leben, mit diesen Problemen am Horizont zu tun haben soll. Soll denn das, was jahrzehntelang richtig erschien, auf einmal falsch sein? Eine solche Vermutung ist für die meisten Menschen dermaßen unerträglich, dass sie sie lieber verdrängen, als sich ihr zu stellen. Man spricht von kognitiver Dissonanz: Ein Raucher beispielsweise erfährt von den Gefahren seiner Sucht, aber statt sich einzugestehen, dass er etwas verändern sollte, redet er sich ein, dass ihn die Folgen des Rauchens schon nicht treffen werden (sondern die anderen).

Tatsächlich ist es so, dass

Fazit: Ja, einiges, was wir tun, bedingt maßgeblich die angesprochenen Probleme. Aber ich mache deswegen niemandem einen persönlichen Vorwurf, denn viele der Probleme haben sich über die letzten Jahrzehnte schleichend entwickelt.

Ganz grundsätzlich ist es aber so, dass unser relativer Wohlstand spätestens seit Beginn der industriellen Revolution darauf beruht, dass wir als Menschheit gelernt haben, die natürlichen Ressourcen unseres Planeten – und die Arbeitskraft des Menschen – immer effizienter auszubeuten. Das – und nur das – ist seither die Grundlage unseres Wachstums. Dieses Wirtschaften ist eng verknüpft mit unserem kreditbasierten Währungssystem.

Der sogenannte Lebensstandard, den wir heute für so unverzichtbar halten, besteht dabei im Wesentlichen aus Konsum – von Produkten, Dienstleistungen oder Erlebnissen, die uns bei der Suche nach dem Sinn des Lebens allerdings nicht behilflich sind. Der Konsum betäubt unseren kritischen Verstand; der Mensch verkommt vom kulturellen, politischen und sozialen Wesen zum vereinsamten Konsumenten.

Die meisten etablierten Parteien – vornehmlich die CDU, die SPD und die FDP – versprechen uns doch im wesentlichen, dass wir diesen tollen Lebensstandard behalten dürfen. Es geht nur um das Wahren von Besitzständen, um Arbeitsplätze und das Fördern der wachstumsorientierten Wirtschaft. Auto- und Rüstungsindustrie werden deshalb mit Samthandschuhen behandelt, obwohl ihnen umfangreiche Erneuerung bzw. Regulierung gut zu Gesicht stünde.

Von einer Abkehr von unserem konsumorientierten, sinnentleerten Lebensstil ist nicht im Ansatz die Rede – nicht mal das bekloppte Dienstwagenprivileg kann man abschaffen. Noch weniger werden die grundlegenden Probleme unserer Welt angegangen, also die strukturelle Ausbeutung der Natur, des Menschen, und vor allem der Entwicklungsländer durch die Industrieländer.

Die etablierten Parteien beschimpfen jene, die auf Veränderungen drängen, als Verbotsparteien. Meiner Ansicht nach ist es auf unerträgliche Weise reaktionär, wenn die FDP das Banner der persönlichen Freiheit dazu missbraucht, den Status Quo zu verteidigen und das Gewissen des hedonistischen Konsumenten zu beruhigen. Oder wenn Angela Merkel sagt, dass ihre Wähler selbst entscheiden dürfen, was sie essen, statt auf die globalen Probleme aufmerksam zu machen, die den Veggie Day motiviert haben. Das ist schlicht reaktionäre Polemik. Glaubt denn ernsthaft jemand, dass die Grünen mit einem Veggie Day den zweiten Artikel des Grundgesetzes aushebeln wollen?

Wenn ich oben sage, dass ich niemandem einen persönlichen Vorwurf mache, schließe ich damit solche perversen Zyniker wie Brüderle oder Merkel freilich aus. Ich mache selbstverständlich allen einen Vorwurf, die grundsätzlich bei Verstand sind, die Probleme sehr genau kennen, sie aber dennoch ausblenden.

Was also schlage ich vor? Zweierlei:

  1. Das Umdenken muss an der Basis stattfinden. Keine Partei wird die Macht haben, etwas zu verändern, solange es keine kritische Masse in der Bevölkerung gibt, die erkennt, dass die globalen Probleme schwerer wiegen als unser sogenannter Lebensstandard. Eine in jeder Hinsicht kritische Masse, die eine neue Haltung zum Konsum entwickelt.
  2. Natürlich ist jeder einzelne Bürger in der Pflicht, verantwortungsvoll zu handeln. Letztlich muss das Umsteuern aber in den Schaltzentralen dieser Welt passieren – in all den Parlamenten, Kabinetten, Ministerien. Da geht es um kühle Machtpolitik. Und dafür müssen wir die richtigen Parteien und Interessenverbände unterstützen.

Zum ersten Punkt, der kritischen Masse in der Bevölkerung. So abgedroschen das klingt, aber man muss die Leute da abholen, wo sie stehen. Die einflussreichsten Menschen im Land sind nun einmal konservativ und schätzen Seriosität. Man wird sie nicht erreichen, wenn man wie ein Paradiesvogel auftritt.

Auf der Webseite der Dresdner Grünen beispielsweise wird der interessierte Leser geduzt. Das irritiert und lenkt von den eigentlichen Inhalten ab. Ich halte auch nichts davon, wenn man bunte Transparente zusammenklebt, durch die Innenstadt marschiert, und die Leute mit Lärm, Krawall und Verkehrsbehinderung nervt. Das überzeugt wenige; das sind eher Ersatzhandlungen von Teenagern.

Die Bevölkerung überzeugt man, indem man ihr sein politisches Programm im Alltag vorlebt, indem man im Bekanntenkreis Argumente vorbringt, und indem man die Medien einbindet. Im Gegensatz zu Teenager-Demos in den Innenstädten halte ich viele Greenpeace-Aktionen in dieser Hinsicht wiederum für richtig.

Zum zweiten Punkt, der kühlen Machtpolitik. Natürlich muss auch bei den Institutionen eine kritische Masse erreicht werden. Ein einzelnes Parlament kann die globalen Probleme nicht angehen. Aber es kann mit gutem Beispiel vorangehen, bis es so weit ist. Es kann die Probleme immerhin in den internationalen Gremien aufs Tapet bringen.

Ich sprach davon, dass man die richtigen Parteien unterstützen solle. Welche Partei soll das sein, und wie soll die Unterstützung aussehen? Letztlich muss das natürlich jeder selbst entscheiden. Ich persönlich bin der Ansicht, dass die Grünen in ihrem Wahlprogramm genau die richtigen Themen angesprochen haben. Das zeigte schon ein kurzer Blick auf den Wahlomaten. Die Unterstützung konnte also schlicht darin bestehen, diese Partei zu wählen. Wenn man der Ansicht ist, dass das Programm einer Partei zwar gut, aber verbesserungswürdig ist, dann kann man ihr beitreten und sich einbringen. Wenn man keine Partei findet oder die Zeit knapp ist, kann man sich immer noch Interessenvereinigungen wie Greenpeace, amnesty international oder Oxfam suchen und diese dann finanziell oder durch Mitarbeit unterstützen.

Man muss die Politik jedenfalls weder den reaktionären Zynikern noch den Teenagern auf der Straße überlassen.

Matthias Büchse am 27. September 2013
leicht redigiert am 3. Oktober 2016

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