Gedanken zum Reformationstag

Selig sind, die da geistlich arm sind

Rainald Grebe sagt: Wenn man zur Ostsee will, muss man durch Brandenburg. Ich sage: Wenn man zu IKEA will, muss man durch die Neustadt. Anders ausgedrückt: Vor das IKEA haben die Götter die Neustadt gesetzt. Aber eines nach dem anderen.

Am Tag der Deutschen Einheit erlebte ich eine herausragende Aufführung des Händel-Oratoriums Salomo in der Kreuzkirche. Wer hätte gedacht, dass ich auf einer Kirchenbank sitze und so tief bewegt bin? Der Grund: Hier unternahmen ca. 150 Menschen eine enorme Anstrengung und arbeiteten dabei zu allem Überfluss harmonisch zusammen – um eine Leistung zu erbringen, die nicht im Ansatz überlebensnotwendig ist. In solchen Momenten kann man Hoffnung für das Menschengeschlecht schöpfen. Oder sagen wir, man kann für einen Moment seinen Zynismus vergessen.

Am folgenden Tag hörte ich mir in der Badewanne einen sehr empfehlenswerten Beitrag von Bayern 2 Radiowissen über Johann Sebastian Bach an. Und wiederum war ich tief bewegt. Denn seine weltbekannten Brandenburgischen Konzerte mussten über 100 Jahre irgendwo versauern, bis sie von einem Musikwissenschaftler im 19. Jahrhundert in einem Berliner Gymnasium geborgen wurden. Und dann dauerte es noch einmal 100 Jahre, bis sie – dank der Entwicklung der Schallplatte – tatsächlich einem breiten Publikum bekannt wurden. Diese Kompositionen haben zu Bachs Zeit wohl altbacken gewirkt, müssen rückblickend aber als visionär und zeitlos bezeichnet werden.

So, und nun sitze ich am 5. Oktober in der Straßenbahn auf dem Weg zu IKEA, höre mir das fünfte Brandenburgische Konzert an, und schätze mich abermals glücklich, an diesen Errungenschaften teilhaben zu dürfen. Dieser Weg führt mich – wie bereits angedeutet – durch die Neustadt. Nennen wir es meinetwegen Ironie des Schicksals, aber natürlich steigt in diesem Moment eine Horde adoleszenter Krakeeler samt Dynamo-Devotionalien und Plastikpullen voller Bier ein. Es breitet sich ganz allgemein ein Biergestank aus – mitten am Nachmittag. Widerwärtig, beschämend, beklemmend. Und mein Zynismus ist wieder da.

Leser meines Blogs wissen, dass ich dem Fußball einiges abgewinnen kann. Seien wir ehrlich: So verschieden ist ein Fußballspiel nicht von einem Konzert. Auch hier arbeiten viele Menschen zusammen, um etwas zu schaffen, das man nicht zum Überleben braucht. Es muss ja nicht immer gleich Hochkultur sein, aber solche Sachen machen das Leben erst lebenswert. Und auch dem Alkohol bin ich entgegen anderslautender Gerüchte nicht abgeneigt. Aber dass Dynamo Dresden (erst!) im zehnten Spiel den ersten Saisonsieg einfährt – das ist doch wirklich kein Grund, schon am Nachmittag in aller Öffentlichkeit mit der Plastikpulle in der Hand auf seine Würde zu verzichten.

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

Schließlich erreiche ich mein Ziel, also den IKEA-Markt. Oder sagen wir: den IKEA-Kindergarten. Offensichtlich haben Kindertagesstätten am Wochenende geschlossen, und den Eltern fällt nichts Besseres ein, als mit ihrer Brut die Möbelausstellung in einen Spielplatz zu verwandeln. Als ob das Småland nicht existierte und andere Kunden nicht gern gezielt einkaufen wollten.

Es verwundert folglich nicht, dass ich latent erholungsbedürftig bin. Zum Glück gibt es gesetzliche Feiertage. In Sachsen, welches weitgehend protestantisch ist, war heute ein solcher Tag – der Reformationstag. Da allerdings die Reformation offensichtlich nicht Grund genug zum Feiern ist, stürzen sich einige kulturell verirrte Menschen auf Halloween und autorisieren ihre Schutzbefohlenen zu Klingelstreichen. Ich wollte dem ganzen trick or treat-Unsinn entgehen, und das Wetter war himmlisch, also fuhr ich in die Sächsische Schweiz.

Mit dieser Idee war ich erwartungsgemäß nicht allein, denn es gab eine regelrechte Völkerwanderung, um mal eine Floskel zu vermeiden. Neben den zu erwartenden Scharen von Rentnern gab es aber auch einen erheblichen Anteil an Eltern mit besagten Schutzbefohlenen, und die verhielten sich getreu dem bekannten Sprichwort: Die Axt im Wald ersetzt den Zimmermann. Der erholungsbedürftige Zyniker staunte nicht schlecht, als sich unweit der Gastwirtschaft am Großen Winterberg folgender Dialog entsponn:

Kind 1 (ruft): Bruno!
Kind 2 (schreit): Bruuunooo!
Bruno (steht etwas abseits, aber in Hörweite, und schaut desinteressiert auf sein Handgelenk)
Kind 1 (schreit): Bruuunooo!
Kind 2 (setzt sich in Bewegung): Bruno hört uns nicht, wir müssen zu ihm gehen.
Bruno (kooperiert und bewegt sich seinerseits auf die anderen Kinder zu)
Erwachsene Frau (läuft nun ihrerseits hinter Bruno her): Bruno! Gib mir meine Armbanduhr wieder!

Es kann doch wirklich nicht angehen, dass in einem verdammten Nationalpark so ein aufgeregtes Geschrei veranstaltet wird! Gibt es denn Ende Oktober – außer mir – keine lärmempfindlichen Tiere mehr, die geschützt werden müssen? Anders als bei dem prominenten Problembären hätte ein Abschuss hier allerdings wenig geholfen, denn ausgerechnet Bruno verhielt sich ja als einziger ruhig.

Ihr sollt nicht Schätze sammeln auf Erden

An dieser Stelle fragt sich auch der letzte Leser, was die Kinder und ihre Eltern mit den Rentnern gemein haben. Ganz einfach: Wenn die Worte Sächsische Schweiz in Form von Schallwellen auf ihre Ohren treffen, erscheint vor ihrem geistigen Auge der verdammte Nanga Parbat. Anders kann ich mir nicht erklären, dass man nicht in dieses bestens erschlossene Naherholungsgebiet aufbrechen kann, ohne die komplette Ausrüstung von Jack Wolfskin, Marmot, Deuter, Vaude usw. usf. aufzufahren.

Das wurde mir schlagartig klar, als ich meinen Blick durch die – man kann sagen – bummsvolle S-Bahn schweifen ließ. Und mir kam unweigerlich der Gedanke:

Euer Wohlstand kotzt mich an!

Matthias Büchse am 31. Oktober 2013

Auch diesmal ein Artikel aus meinem alten Blog (allerdings stark gekürzt): Höhenfeuerwerk (und Fußgänger-Pack)

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