Im Land der Ideen nichts Neues: Echter Fortschritt lässt auf sich warten

Wer bestimmt eigentlich, was Fortschritt ist? Spätestens seit der Industrialisierung scheint Fortschritt zu bedeuten: höher, schneller, weiter. Auch, wenn es seit Jahrzehnten diejenigen Stimmen gibt, die vor dieser Wachstumsideologie warnen, wie etwa den Club of Rome – in der real existierenden Politik gilt weiterhin die Maxime des Wachstums. Und spätestens seit den Fünfzigerjahren, als dank des Wirtschaftswunders ein ganzes Land mit dem Wohlstandsfahrstuhl eine Etage nach oben gefahren ist, gehört die individuelle motorisierte Mobilität zum kleinbürgerlichen Traum.

Tatsächlich: Derjenige, der ein Auto verwendet, kommt in der Regel schneller an. Jedenfalls solange die Straßen und Parkplätze einigermaßen frei sind. Da der Bedarf an individueller Motorisierung nie zu enden scheint, wird diese Infrastruktur seit Jahrzehnten ständig ausgebaut.

In letzter Zeit denke ich verstärkt über dieses Thema nach. Ich mache Wochenendausflüge, weil ich im Moment keinen Urlaub nehmen möchte. Ich fahre mit der Eisenbahn von Dresden nach Nürnberg, Eisenach oder Freiberg. Und ich bin bass erstaunt, denn ich sehe alte deutsche Städte mit einem ungeahnt reichen Erbe an Geschichte und Kultur, mit teils gut erhaltenen Gebäuden aus dem Mittelalter und der Renaissance, mit Stadtmauern und Türmen, mit engen Gassen und altem Pflaster. Heute habe ich im Freiberger Dom auf einer 300 Jahre alten Orgel ein Präludium von Bach hören dürfen, gestern mein Mittagessen an einem Tisch draußen auf dem Untermarkt eingenommen – geradezu mediterran.

Aber ich kann diese Wochenenden und diese Schätze nicht vollends genießen. Denn selbst die engsten Gassen und die schönsten Märkte werden ganz selbstverständlich von Autos befahren, und das führt bei mir offengestanden zu Beklemmungen und Verdruss, wenn die Autos quasi durch mein überbackenes Gyros durchfahren – obwohl das wenigstens leiser wäre als das Pflaster auf dem Markt. Von Motorrädern mit apokalyptisch anmutendem Klang oder von Hochzeitsgesellschaften, die sich offenbar aus dem Pöbel rekrutieren, da sie hemmungslos hupend in Autokorsos mit just married-Wimpel durch die Stadt fahren, will ich lieber gar nicht erst reden.

Allein für das Ziel, dass möglichst viele Menschen möglichst schnell ankommen, nehmen wir in Kauf, dass unsere (potentiell) schönsten Plätze als Parkplätze herhalten, die Straßen durch parkende Autos aussehen wie Rumpelkammern, und dass wir vom Verkehr vollgelärmt und verpestet werden. Wir begreifen es schon als Geschenk, wenn man uns in sogenannte Fußgängerzonen einpfercht (wie in Freiberg) oder uns für den Weg vom Bahnhof in die Innenstadt gönnerhaft eine enge, dunkle, stickige Unterführung anbietet (wie in Nürnberg). Der mittelalterliche Stadtkern wird von den Autos regelrecht gesprengt.

Das soll jetzt also der Fortschritt sein. Viel zu selten werden die entscheidenden Fragen gestellt: Wie sinnvoll ist es eigentlich, schneller anzukommen? Schon Goethe sagte: Nur, wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen. Wir klagen über Stress und Jetlag, wir fühlen uns wie Getriebene, aber es fällt uns nicht im Traum ein, uns die nötige Zeit für einen Weg zu nehmen. Dabei brauchen wir Zeit, um uns auf wechselnde Orte und Aufgaben einzulassen. Der FDP-Wähler wirft ein: Ja, aber der Verkehr muss doch fließen, denn das bringt Wachstum. Aber Wachstum macht nicht glücklich.

Und noch entscheidender: Wie sinnvoll ist die Fahrt überhaupt? Natürlich: Die Kinder müssen in den Kindergarten gebracht werden. Die Oma muss zwischen zwei Terminen noch schnell gepflegt werden. Beide Elternteile müssen natürlich Vollzeit arbeiten. Die schicke Eigentumsbutze will schließlich auch abbezahlt werden. Und zum Einkaufen muss man an den Stadtrand fahren, denn da ist es ja am billigsten. Das klingt alles sehr typisch für unsere Zeit, sehr alternativlos, aber nicht gerade fantasievoll. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es für besagte Oma und Generationen vor ihr noch problemlos möglich war, ohne Auto aufzuwachsen. Haben die etwa nicht gelebt?

Ich frage mich, wann man endlich Vernunft annimmt. Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, die Stadt ist primär Lebensraum für Menschen und nicht für Autos. Nicht die Fußgänger gehören in eine Unterführung gedrängt, sondern die Autos! In Dresden ist das vor dem Hauptbahnhof vorbildlicherweise der Fall. Letztlich gehören sogenannte Autozonen eingeführt. Was das angeht, darf das Autofahren ruhig den Weg des Zigaretterauchens gehen. (Welche Fotos würde man wohl auf Autos kleben, um vor den Gefahren des Autofahrens zu warnen?)

Ich bin mir im Übrigen sicher, dass man als Individuum, Kommune, Land und Bund relativ viel Geld sparen kann, wenn man die Fixierung auf den motorisierten Individualverkehr aufgibt. Geld, welches man in die Verbesserung der Lebensqualität investieren könnte – in einen Kurztrip nach Freiberg, Eisenach oder Nürnberg beispielsweise, in mehr Stadtgrün, günstige Kulturangebote oder mehr Komfort beim Bahnfahren.

Aber irgendwie braucht wohl jedes Land so seine Schrulle, und bis die Autoverliebtheit in Deutschland normale Maße annimmt, vergehen bestimmt noch einige Jahrzehnte. Bis dahin können mir die Autofahrer gern die eine oder andere Kur bezahlen…

Und da es gerade im Internet immer nervöse Leute gibt, die wie ein Kessel unter Dampf stehen und einen falsch verstehen wollen: Ich habe nichts gegen das Auto an sich. Das ist eine tolle Ingenieursleistung. Offenkundig verliert das Auto aber seine Vorteile, sobald alle eines besitzen wollen – ähnlich wie eine Villa am Strand an Reiz verliert, sobald der ganze Strand mit Villen zugebaut ist. Wogegen ich mich daher ausspreche, ist der motorisierte Individualverkehr. Von Krankenwagen, Feuerwehr, Handwerkern, Umzugsunternehmen, Schwerbehindertentransporten, Pizzadiensten und Essen auf Rädern spreche ich gar nicht. Ich glaube allerdings auch kaum, dass diese am Samstag- oder Sonntagvormittag einen mittelalterlichen Stadtkern unsicher machen.

Matthias Büchse am 2. August 2015

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