Die Warum-Frage oder: Die Frage nach dem richtigen Antrieb

Schon seit April 2009 besitze ich eine Taschenbuchausgabe von Getting Things Done, dem 2001 erschienen Klassiker der Produktivitätsliteratur von David Allen. Die Prinzipien dieses Buches sind so einfach wie genial. Ich möchte heute nur auf einen Aspekt des Buches eingehen, bei dem es um Projektplanung geht. Allen schreibt, dass sich die Planung eines Projekts mehr oder weniger von selbst ergibt, sobald man sich Klarheit über die folgende einfache Frage verschafft hat: Warum?

Zur Verdeutlichung zitiere ich Seite 63 meiner Ausgabe:

Here are just some of the benefits of asking “why?”:

Sobald man die Warum-Frage beantwortet hat, fällt Vieles von selbst an die richtige Stelle, und Fragen wie Wer?, Was?, Wie?, Wann? lassen sich plötzlich ungeahnt leicht beantworten. Unglücklicherweise ist es in der Praxis recht normal, dass Firmen Projekte angehen, ohne die Warum-Frage zu klären; zum Beispiel weil sie einfach auf einen Trend aufspringen wollen.

Letzten August habe ich meine Doktorarbeit abgegeben, und rückblickend muss ich sagen: Das Leiden betrifft nicht nur Firmen. Eine gute Antwort auf die Warum-Frage hätte wohl auch mir geholfen, denn dieses Projekt Doktorarbeit war wirklich immens. So ein Satz ist leicht dahergesagt; daher will ich ihn näher ausführen.

Gut sechs Jahre meines Lebens hat mich besagtes Projekt gekostet, und der letzte Teil, das Zusammenschreiben der Arbeit, war besonders anstrengend: Statt der veranschlagten vier bis fünf Monate habe ich letztlich vierzehn gebraucht, und dabei habe ich quasi routinemäßig meine selbst gesetzten Fristen verfehlt und verschoben. Der überwältigende Berg an verbleibender Arbeit hat sich sehr trügerisch verhalten, denn er konnte zuweilen mit jeder gelösten Aufgabe noch anwachsen, da immer neue Baustellen offenkundig wurden.

Wie ich von einem freundlichen Professor erfahren habe, ist all dies letztlich vollkommen normal für eine Promotion. Mein Doktorvater hat mir aber nie gesagt, wie unrealistisch meine Fristen waren. Er brachte es vielmehr fertig, mir zu raten, ich solle Abstriche bei der Qualität machen, damit ich schneller fertig werde. Es mag ja sein, dass eine Doktorarbeit in der Liste der Publikationen eine untergeordnete Rolle spielt – für einen persönlich stellt sie aber die Krönung vieler Jahre Arbeit dar, sie ist bei weitem der persönlichste Eintrag auf jener Liste, da man sie praktisch allein schreibt, und ihre unvermeidliche Bewertung kommt – gerade bei einem perfektionistisch veranlagten Menschen wie mir – einer Bewertung der eigenen Person so nahe wie selten etwas. Den Rat meines Doktorvaters habe ich demnach ob des Mangels an Einfühlungsvermögen als taktlos und mit der Zeit auch zunehmend als kränkend wahrgenommen. Erst spät räumte er ein, dass eine bessere Qualität auch in seinen Augen eine längere Arbeitszeit rechtfertigt.

Während dieser Zeit war er, der sonst eher für die kurze Leine bekannt war, meistens völlig abgetaucht und hat damit mein Gefühl bestärkt, dass er nicht hinter meiner Arbeit und meinem Streben nach Perfektion stand. Tatsächlich war nach etlichen Fristverschiebungen und nach Monaten sysiphosverdächtiger Arbeit der Glaube an die eigenen Fähigkeiten erheblich angekratzt, und da hätte es gut getan zu wissen, dass wenigstens der Doktorvater noch an einen glaubt. Für diese seelischen Probleme hatte er aber kein offenes Ohr; der Tenor war in etwa Ich sagte ja, dass es schwierig würde. Ich möchte erwähnen, dass besagter freundlicher Professor mir damals seine Sprechstunde angeboten hat; das Angebot hat mir ein wenig geholfen, auch wenn ich es letztlich nie wahrgenommen habe.

Ich hoffe, es ist jetzt klar, dass die Frage Warum? von größter Bedeutung ist; genauer: Warum sollte sich jemand so etwas ohne Not antun? In meinem Fall lautet eine ehrliche Antwort wohl:

Das klingt irgendwie zwanghaft und nicht nach Spaß. Wer aber glaubt, selbst eine bessere Antwort zu haben, soll gründliche Introspektion betreiben.

Jedenfalls sollte klar sein, dass dieser Antrieb, diese Motivation letztlich schwerlich reichen, um wochen- und monatelange Durststrecken zu überstehen – nach meinen obigen Erläuterungen wird man mir diese plumpe Marathonmetaphorik hoffentlich nachsehen. Alternativ hätte ich auch folgende rhetorische Unmöglichkeit zu bieten: Die Doktorarbeit und das unvermeidliche Gutachten schweben über Monate hinweg, bei Tag und leider auch bei Nacht, über einem wie das sprichwörtliche Damoklesschwert. Aber es war wirklich so; zuweilen hab ich mich dabei ertappt, wie verkrampft ich war und wie flach ich atmete. Ähnlich perfektionistisch veranlagte Doktoranden werden mir das nachfühlen.

Interessanterweise konnte ich mich am Ende über meine sehr gute Note dann kaum freuen, denn sie entsprach ja den oben geschilderten mutmaßlichen Erwartungen. Im Prinzip konnte ich nur verlieren.

Aber zurück zur Warum-Frage. Wie sähe denn eine Motivation aus, die einem besser über die Durststrecken hinweghülfe? (Noch so ein rhetorisches Ungetüm.) Mir fallen folgende (leider gänzlich fiktive) Antworten ein:

Inzwischen habe ich mit dem Kapitel Doktorarbeit weitgehend abgeschlossen. Ich habe die Uni verlassen und arbeite als Softwareentwickler. Man möchte meinen, diese Tätigkeit sei nicht so hochgradig anspruchsvoll wie die Forschung, aber nichtsdestoweniger sind gute Softwareentwickler sehr begehrt. Angesichts der grassierenden Relevanzlosigkeit gängiger wissenschaftlicher Arbeit werte ich heute die wissenschaftsbedingte Abwesenheit vom Arbeitsmarkt (meiner selbst, aber auch vieler anderer) als erheblichen Schaden für die Volkswirtschaft. (Ich möchte in einem zukünftigen Artikel darlegen, unter welchen Problemen die Wissenschaft meines Erachtens leidet.)

Übrigens: Als ich mir vor über sechs Jahren das Buch Getting Things Done kaufte, war ich sofort von der Bedeutung der Warum-Frage überzeugt. Geradezu enthusiastisch habe ich versucht, diese Idee auch meinem Doktorvater nahezubringen. Es ist einigermaßen bezeichnend, dass er dafür wenig übrig hatte.

Matthias Büchse am 11. August 2015

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