Die Wissenschaftsschauspieler

Was ist ein Wissenschaftler? An der Oberfläche ist das jemand, der Erkenntnisse gewinnt, darüber Aufsätze schreibt, diese publiziert, zu Konferenzen fährt und sich mit anderen Wissenschaftlern austauscht. Aber ist jeder Mensch, der all dies tut, auch ein Wissenschaftler? Ich meine: nein. In meinen Augen gibt es eine enorm wichtige Zutat, die den Unterschied zwischen einem wahren Wissenschaftler und einem Wissenschaftsschauspieler macht; und diese Zutat ist die Motivation, die dem Handeln zugrundeliegt. (Ja, wirklich: Es geht schon wieder um die Warum-Frage.)

Ein Wissenschaftler will Wissen schaffen. Er will das gängige Verständnis und die gängige Erklärung der Welt verbessern oder gar radikal umwerfen. Ihn treibt eine Idee, eine Vision, und diese will er ausarbeiten, verfeinern, weiterentwickeln und – natürlich – anderen nahebringen. Der Wissenschaftler mag in sein Thema vernarrt sein, er mag auch ein bisschen eigen sein – nicht umsonst spricht man vom zerstreuten Professor –; die meisten Wissenschaftler sind sogar eitel oder streben insgeheim gar nach dem Nobelpreis. Aber im Kern geht es immer um Inhalte, während die Form – der ganze Zirkus mit den akademischen Graden, den Roben und Hüten, auch dem Aufsätzeschreiben etc. – nachrangig bleibt.

Ein Wissenschaftsschauspieler dagegen hat keine Vision, außer dass er gern Wissenschaftler wäre. Er glaubt, dass er dafür nur genügend Aufsätze publizieren muss; auf diese Weise sucht er sich seiner vermeintlichen Identität als Wissenschaftler zu vergewissern. Es fehlt ihm an Fantasie und Inspiration, und das kompensiert er durch Pedanterie und das Konzentrieren auf Formalitäten. Man könnte auch sagen, der Wissenschaftsschauspieler ist eigentlich ein Buchhalter, der sich aus Versehen auf eine Professur beworben hat.

Es ist nicht so, dass der Wissenschaftsschauspieler keine Erkenntnisse produziert. Aber es fällt auf, dass er in der Regel keine allgemeinverständliche Erklärung dafür hat, was die Relevanz seiner Erkenntnisse ist. Und tatsächlich sieht es in diesem Bereich mau aus. Denn da der Wissenschaftsschauspieler seine Bestätigung im Schreiben von Aufsätzen sucht, geht er auf Nummer sicher und kümmert sich bevorzugt um randständige Probleme, deren Lösung zwar einiges handwerkliches Geschick erfordern mag, ansonsten aber prinzipiell in Sichtweite liegt.

Anders ausgedrückt: Der Wissenschaftler kümmert sich um Probleme, die einigermaßen allgemeinverständlich zu formulieren sind, deren Lösung aber durchaus ungewiss ist. Der Wissenschaftsschauspieler kümmert sich um Probleme, die fast nur er selbst versteht, deren Lösung dementsprechend auch nur wenigen nützt.

Der Wissenschaftler ist per se neugierig. Neugier ist vielleicht sogar sein wichtigster Antrieb. Er kann einem intellektuellen Rätsel schwer widerstehen; er knobelt gern und betrachtet die Welt als eine Art Spielplatz, den es zu erkunden gilt. Er hat keine Angst zu scheitern, weil es ihm darum gar nicht geht.

Der Wissenschaftsschauspieler hingegen arbeitet zweckgebunden und ist auf sein Fachgebiet fokussiert. Er empfindet seinen Geist als ein endliches Gefäß, welches bloß nicht zu voll werden darf. Dabei ist es meines Erachtens so, dass die Aufnahmekapazität mit dem angesammelten Wissen eher steigt, weil das Gehirn Querverbindungen nutzt und das Wissen konsolidiert!

Im heutigen Wissenschaftsbetrieb (um mal das unschuldige Wort Wissenschaft zu vermeiden) sind die Schauspieler in der Überzahl. Es hat eine beispiellose Verselbständigung Einzug gehalten; man schreibt seine Aufsätze, weil es doch das sei, was ein Wissenschaftler so tue. Und da ich meinen akademischen Grad im Dunstkreis der Wissenschaftsschauspieler erworben habe, erlaube ich mir, ihn im alltäglichen Sprachgebrauch mit einem gewissen Zynismus und einer gewissen Respektlosigkeit zu behandeln.

Weil der Wissenschaftsschauspieler sich seiner Identität so unsicher ist, versteht er keinen Spaß, wenn es um die Wissenschaft geht; er kann seine Zunft nicht mit Selbstironie betrachten, sondern nur mit “Heiligem Ernst”. Ein mir bekannter Professor sagte einmal (höchst agitiert): Die Wissenschaft ist doch keine Kirmes! Es ist schon unheimlich, wie er mit dieser Aussage die heutige Realität verleugnet hat: Die Wissenschaft ist eine Scharade, und daran sind paradoxerweise am wenigsten diejenigen schuld, die sie nicht so ernst nehmen.

Im Übrigen hat auch in der Theoretischen Informatik alles mal groß angefangen. Turing konnte sich mit den nach ihm benannten Maschinen essentiellen Fragen der Erkenntnistheorie nähern (Hilbertsches Entscheidungsproblem); siehe meinen Artikel Leibniz' Werk und Turings Beitrag. Chomsky hatte eine linguistische Motivation (wenn auch irgendwie krude), und seine Grammatiken haben als Erweiterte Backus/Naur-Form eine wichtige Rolle im Compilerbau gespielt. Diese Forschung wirkt heute noch in jedem einzelnen Computer, den wir benutzen, weiter.

Dabei kam es durchaus vor, dass man die Lösung zuerst fand und das Problem erst später. Turing beispielsweise soll bei seinen Maschinen sehr von Schreibmaschinen inspiriert gewesen sein. Die Anwendung für das Hilbertsche Entscheidungsproblem hat er vermutlich erst als zweites gesehen.

Aber die Geister, die sie riefen! Das Lebenszyklusmodell der Generationen besagt:

Die Welle von Formalisierung und Rigorosität in der Mathematik hatte zu Zeiten von Hilbert einen Sinn, da man hoffte, man werde einst alle wahren Aussagen ausrechnen können – Wir müssen wissen, wir werden wissen. Und fürs Programmieren ist Formalität heute noch unabdingbar.

Aber darüber hinaus hat sich die Aufmerksamkeit ganz allgemein von der Motivation und dem Ergebnis (dem Inhalt) hin zu den Methoden und dem Formalismus (der Form) verschoben, und der ehemals konstruktive wissenschaftliche Diskurs ist weitgehend zu sophistischer Rechthaberei verkommen, nach dem Motto Wenn man Ihren Text böswillig liest, könnte man die Reihenfolge von Existenzquantor und Allquantor missverstehen.

Man kann sich schon fragen, inwiefern der heutige Fokus auf der Form eher kontraproduktiv ist, wenn man Formeln natürlichen Sprechweisen vorzieht, obwohl doch Aufsätze von Menschen für Menschen geschrieben werden. Auf der anderen Seite ist der Inhalt häufig so dünn, dass man sich nicht wundern muss, wenn die Form Aufmerksamkeit bekommt.

Mehr noch als früher findet man heute die Lösung zuerst und erfindet dann das passende Problem. Es gibt sogar einen regelrechten Sport, bekannte Ergebnisse quasi auf Vorrat zu verallgemeinern; und Automatenmodelle werden nur erfunden, weil man es kann. Nur dass es heute eben leider nie an die Hilbertschen Probleme heranreicht. Der Erkenntnisgewinn ist vielmehr mit marginal noch schmeichlerisch umschrieben.

Man braucht aber nicht zu denken, dass dies nur in der Theorie zutrifft. Auch in der Praxis passiert es, dass Ansätze zu Tode untersucht werden (beating a dead horse), von denen vornherein klar ist, dass sie das Problem gar nicht umfänglich lösen können.

Aus dem Maschinellen Übersetzen kenne ich das. Der Stand der Technik fußt auf der kruden Annahme, man könne die natürliche Sprache mit einer formalen Sprache annähern; siehe meinen Artikel Maschinelles Übersetzen – ein Widerspruch in sich. Das ist so, als würde man versuchen, mit einem Heißluftballon zum Mond zu fliegen – klar, jedes Jahr fliegt man ein Stückchen höher. Und solange alle daran festhalten, kann jeder ganz gelassen sein eigenes Süppchen kochen, weil man vor den Versuchen des Kollegen keine große Angst zu haben braucht.

So. Das war in groben Zügen meine Erzählung über die Wissenschaftsschauspieler. Wer aufgepasst hat, hat vielleicht bemerkt, dass dieser Beitrag als der Gipfel der folgenden Tetralogie angesehen werden kann – sozusagen mein Magnum Opus –:

  1. Leibniz' Werk und Turing Beitrag über die Verdienste wahrer Wissenschaftler,
  2. Maschinelles Übersetzen – ein Widerspruch in sich über die Schwachpunkte eines zeitgenössischen Forschungszweiges,
  3. Die Warum-Frage über die Bedeutung der Motivation im allgemeinen (und für die Promotion im speziellen) und jetzt
  4. Die Wissenschaftsschauspieler über die Bedeutung der Motivation für das Wesen des Wissenschaftlers und den Wissenschaftsbetrieb.

Hartmut Rosa, Professor für Soziologie in Jena, stellt ganz allgemein einen Identitätsverlust in unserer Zeit fest: Man sei nicht mehr Münchner, sondern man lebe in München, und man sei nicht mehr Bäcker, sondern arbeite als solcher. Meiner Ansicht nach kann man aber nicht einfach als Wissenschaftler arbeiten, man muss Wissenschaftler sein, mit Haut und Haar. Ansonsten ist man allenfalls ein Buchhalter, der sich als Wissenschaftler ausgibt.

Matthias Büchse am 22. September 2015

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