Geschmack ist nicht immer Privatsache

Achtung: Bitte unbedingt erst Die große Kunst – immer auf der Suche nach der Wahrheit lesen.

Kürzlich habe ich hier das Abendlied von Matthias Claudius zitiert. Darauf möchte ich heute zurückkommen. Hier nochmal die dritte und vierte Strophe:

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Hier wird eine tiefere Einsicht behandelt, nämlich dass wir Menschen Demut üben sollen. Ganz dem Thema entsprechend ist der Text bescheiden und unprätentiös (das heißt, er gibt nicht vor, mehr zu sein, als er ist). Gleichzeitig evoziert er lebendige Bilder. Ich weiß nicht, was mich so ergreift – die Schönheit des Textes oder die ihm innewohnende Demut –, aber jedenfalls kann ich mir schwer eine Träne verkneifen. Dieser Text hat lyrische Kraft, was auch immer das heißen mag.

Dagegen jetzt die folgende zum Songtext aufgeblasene Banalität, zu hören unter dem Titel Schweigen ist Silber auf der CD Projekt Seerosenteich von Philipp Poisel:

Du legst dein' Finger auf meinen Mund,
und wir lachen ganz leise.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
– bei deiner Stimme nicht.
Sie ist die schönste, die ich je hörte,
und wenn ich lüge, dann kreuzigt mich,
und wenn ich lüge, dann kreuzigt mich doch.

Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll! Ich probiere es trotzdem. Habt Geduld, ich werde danach noch zu einem generellen Punkt kommen.

Der Sänger ist sich nicht zu schade, sich einer Floskel zu bedienen (Reden ist Silber, Schweigen ist Gold), was an sich schon Wolfgang-Petry-Niveau ist (Weiß der Geier oder weiß er nicht?), aber noch im selben Satz negiert er sie. Als ob das nicht schlimm genug ist, wird im nächsten Satz die Kreuzigung banalisiert: Kreuzigungen sind normalerweise Verbrechern und politisch Verfolgten vorbehalten, aber leider keinen schlechten Sängern!

Auch die weiteren Strophen lesen sich wie aus dem Tagebuch eines pubertierenden Gymnasiasten entnommen. Der Text gibt insgesamt keine einzige tiefere Einsicht, er vertritt keine Position, außer dass der Sänger verliebt ist. Das haben wir alles schon tausendmal gehört, nur eben selten so schlecht.

Allein: Der schlechte Text ist nicht das Problem.

Das Problem ist, dass die Produktion prätentiös ist, dass sie einen Anspruch behauptet, den sie gar nicht erfüllt. Auf den Punkt gebracht: Derselbe Song wäre von Wolfgang Petry durchaus zu verkraften, bei Philipp Poisel aber wird das Ganze als gefühlvolle Ballade verkauft, die gern für anrührende Kunst gehalten werden will.

Das äußerst konventionelle Arrangement mit Streichquartett drückt dann auch genau die richtigen Knöpfe beim Zuhörer, und in der Tat fühlt man sich irgendwie angerührt. Aber dieses Gefühl ist von der Produktion bewusst fabriziert und hat keinerlei Substanz! Hier wird die Ausdruckskraft von Musik schlicht und ergreifend missbraucht und die Ahnunglosigkeit eines naiven Publikums ausgenutzt, um Platten zu verkaufen.

Wie schon bei Matthias Claudius möchte ich weinen, aber sicherlich nicht wegen irgend einer lyrischen Kraft, sondern weil es Leute gibt, die sich dafür hergeben, dieses Machwerk mit ihren Streichinstrumenten aufzuwerten, und weil es Leute gibt, die sowas dann kaufen und für Kunst halten. Und weil diese Leute vielleicht noch nie in den Genuss wahrer Kunst gekommen sind.

Frohes neues Jahr.

Matthias Büchse am 3. Januar 2016
leicht gekürzt am 8. Januar 2016

Meine ganz persönliche Meinung

Ich kann mit schlechten Sängern ja wenig anfangen. Das betrifft Philipp Poisel, aber auch eine ganze Reihe von weniger offensichtlich schlechten Leuten. Zum Beispiel Olli Schulz, den ich als Komiker und Moderator sehr schätze. Aber auch bei Sven Regener oder Herbert Grönemeyer ist mir nicht klar, warum dieser egomanische Empfindungsschrott so hochgejubelt wird.

Enjoy the silence

Lieber Philipp Poisel. Zum Thema Schweigen ist Silber empfehle ich einen bekannten Song von Depeche Mode, geschrieben von Martin Gore. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn wirklich gut finde, aber er ist weder so prätentiös noch so unterirdisch wie dein Song.

Words like violence
Break the silence
Come crashing in
Into my little world
Painful to me
Pierce right through me
Can't you understand
Oh my little girl
All I ever wanted
All I ever needed
Is here in my arms
Words are very unnecessary
They can only do harm
Vows are spoken
To be broken
Feelings are intense
Words are trivial
Pleasures remain
So does the pain
Words are meaningless
And forgettable
All I ever wanted
All I ever needed
Is here in my arms
Words are very unnecessary
They can only do harm
Enjoy the silence

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