Leben: Das Experiment

Dieses Experiment ist kein Spaß. Es geht um Selbstbestimmung. Es geht um das Heraustreten aus der Comfort Zone. Es geht um Gesundheit. Und es geht darum zu leben.

Die Regeln

Keine tierischen Produkte, kein Alkohol, zwei Mahlzeiten am Tag, und zwar zwischen 12 und 18 Uhr, keine Süßigkeiten, keine Snacks. Kein Fernsehen. Internetnutzung ja, aber möglichst überlegt und nicht spontan zwischendurch – E-Mail beispielsweise nicht auf dem Smartphone abrufen.

Sieh's mal positiv

Der Fokus liegt nicht auf den Sachen, die ich mir versage. Viel mehr konzentriere ich mich auf jene, die ich mir gestatte (Kaffee zum Beispiel erlaube ich mir weiterhin).

Plötzlich entdecke ich im Restaurant und im Supermarkt einen Reichtum an total leckeren Gerichten und Nahrungsmitteln, die ich noch gar nicht kannte! Oder ich erkenne, dass bestimmte Nahrungsmittel viel besser schmecken als gedacht, weil ich sie immer nur als Beilage oder unter tonnenweise Butter verspeist habe. Und meine Verdauung belastet mich auch weniger.

Und ich habe Zeit! Die Zeit, die ich beim Essen oder Surfen spare, kann ich für Spaziergänge, zum Lesen, für Treffen mit interessanten Menschen und so weiter einsetzen. Ganz allgemein: Für ein selbstbestimmtes Leben. Denn darum geht es wie gesagt; aber dazu später mehr.

Einspruch, Euer Ehren

Mensch, Matthias, das ist ja ein spannendes Experiment – was erlebst du dabei, und wie kann ich dich dabei unterstützen? Das hört man leider selten. Stattdessen wird man schief angeguckt und belächelt, und man muss sich für alles rechtfertigen. Denn die Leute sehen es ungern, wenn jemand ihre liebgewonnenen, bequemen Selbstverständlichkeiten hinterfragt.

Sind deine Regeln nicht ein bisschen extrem?

Das sind sie nur auf den ersten Blick. Die Regeln hätten auch sein können: Nur wenig tierische Produkte, nur wenig Alkohol, und nur wenig Fernsehen. Aber das wäre einerseits als Experiment weniger herausfordernd und spannend. Und paradoxerweise wäre es andererseits auch viel schwerer umzusetzen – wie viel ist denn wenig? Darf ich dieses Stück Fleisch, dieses Glas Wein jetzt konsumieren oder nicht? Selbst wenn ich konkrete Mengen festlege, wird es nicht leichter. Erlaube ich mir das Fleisch jetzt oder spare ich es mir auf? Rufe ich meine E-Mails jetzt ab oder später? Solche Überlegungen sind mir zu anstrengend.

Stimmt es etwa nicht, dass der Mensch ein Omnivore (Allesfresser) ist?

Doch, das stimmt. Der Mensch kann zum Überleben “alles” essen. Und der menschliche Körper macht echt Vieles mit. Das sagt aber nichts darüber aus, womit man langfristig das größte Wohlbefinden, womit man Gesundheit bis ins hohe Alter erreichen kann. Der (erwachsene) Mensch muss mitnichten alles essen, und Vieles deutet darauf hin, dass tierische Produkte unnötig und unterm Strich eher schädlich sind.

Muss man als Veganer nicht genau aufpassen, damit man keine Mangelerscheinungen bekommt?

Kann sein. Aber man muss als “Normalesser” genau so aufpassen, damit man keine Überflusserscheinungen bekommt (Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Gicht, Nierensteine, Leberzirrhose, Darmkrebs, etc.). Dreimal darf man raten, was mehr Anstrengung erfordert und zudem in unserer Gesellschaft das dringendere Problem ist...

Muss man nicht dreimal täglich essen?

Definitiv: nein. Unsere Mahlzeiten sind ziemlich willkürlich; in der Antike wurde beispielsweise die Frage ventiliert, ob man einmal oder zweimal täglich essen solle. Wir sterben nicht, nur weil wir eine Mahlzeit “ausfallen lassen”. Unser Körper ist evolutionsgeschichtlich an Zeiten des Mangels gewöhnt. Alle wichtigen Nährstoffe werden für Zeiträume gespeichert, die sich in Wochen und Monaten bemessen lassen.

Von Hefekulturen bis hin zu Säugetieren ist längeres Leben bei reduzierter Nahrungsaufnahme nachgewiesen worden (sofern alle Nährstoffe vorhanden waren). In Fastenzeiten macht der Körper quasi Inventur und beseitigt beispielsweise Zellen, die ihre Arbeit nicht mehr verrichten können (Stichworte: senescent cell, autophagy).

Aber ich brauche meine Proteine/Kohlenhydrate/Fette!

Wir haben in der westlichen Welt wahrlich keine Mangelerscheinung an diesen drei Makronährstoffen. Ebenso wenig mangelt es an sogenannten Ernährungsratgebern, die die Bevölkerung mit solchen und ähnlichen Begriffen viel stärker verwirren als beraten. Da diese Begriffe und Ratgeber – und mit ihnen die Verunsicherung – einmal in der Welt sind, bietet es sich an, sie detailliert zu kommentieren und zu widerlegen. Vielleicht mache ich das auch eines Tages mal; hier und jetzt passt es nicht her.

Die Kurzzusammenfassung geht jedenfalls so: Wenn man sich von vollwertiger Kost ernährt (also möglichst naturbelassener Nahrung) und das noch möglichst abwechslungsreich, dann macht man schon Vieles richtig. Auf Nahrungsmittel dagegen, in denen die besagten Makronährstoffe stark konzentriert vorliegen – also Zucker, Öl, Margarine, Schweinshaxe und dergleichen (von gehärteten Fetten, Nitriten etc. ganz zu schweigen) – ist weder unsere Verdauung noch unser Stoffwechsel ausgelegt, und die Folgen habe ich oben genannt. Von Reizdarmsyndrom, “Glutensensitivität”, Befindlichkeitsstörungen und so weiter ganz zu schweigen.

Sind unsere Mahlzeiten nicht von großer sozialer Bedeutung?

Ja, aber das ist nicht in Stein gemeißelt. Man kann sich auch auf einem Spaziergang gut unterhalten, und man kann ins Kino gehen, ohne sich Popcorn, Cola, Bier oder Wein reinzuziehen. Abends in einer Bar kann man Mineralwasser mit einem Spritzer Zitrone trinken. Oder man trifft sich gleich zuhause.

Andersherum kenne ich auch Leute, die gerade beim Essen keine Unterhaltung wünschen.

Aber ich lebe doch jetzt! Ich will jetzt mein Fleisch, mein Bier, und mein YouTube!!!

Das ist verständlich, aber sehr kurz gedacht. Schauen wir uns diese Genussmenschen einmal an (auch wenn wir damit unserem Sinn für Ästhetik viel zumuten). Wenn die nach einem “Leben” voller Fleisch und Bier “folgerichtig” das Zeitliche segnen sollen (weil sie beispielsweise herzkrank sind), dann stellt man fest, dass die darauf noch gar keine Lust haben! Dabei haben sie doch zur Genüge “gelebt”. Oder etwa nicht?

Und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt.

Konsum vs. Leben

Während man konsumiert, kann man sich nicht um seine Gesundheit, seine Beziehungen, seine Leidenschaften, sein persönliches Wachstum oder seinen Beitrag zur Gesellschaft kümmern. Der Konsum lenkt uns von der Frage ab, was wir mit unserer Zeit anstellen sollen. Er beruhigt vorübergehend, aber er hinterlässt eine umso schwerer wiegende Leere.

Beim Konsumieren sind wir passiv; der Konsum lässt uns zu Reizreaktionswesen verkümmern. Unser Leben aber können wir nur aktiv und kreativ gestalten. Anders gesagt: Entweder du lebst, oder du konsumierst. Beides gleichzeitig geht nicht.

Schau dir Menschen an, die du bewunderst – meinetwegen Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Robert F. Kennedy oder deinen Lieblingslehrer. Die mussten freilich etwas essen, damit sie ihr Werk tun konnten. Aber keiner erinnert sich an sie wegen ihres Speiseplans. Und E-Mails auf dem Smartphone hätten Albert Einstein auf der Suche nach der Relativitätstheorie vermutlich auch nicht weitergebracht.

Und Konsum macht abhängig. Der Griff in die Dose mit den Erdnüssen oder der Griff zum Smartphone sind so in uns eingebrannt, sind zur Gewohnheit und zur Übersprungshandlung geworden. Wir werden regelrecht unruhig, wenn uns diese Möglichkeit einmal nicht zur Verfügung steht.

Und genau darum geht es bei meinem Experiment: Ich will mich von der typisch westlichen Anspruchshaltung und Konsumabhängigkeit befreien und meine Selbstbestimmung erhöhen. Ich will mich um meine Gesundheit und meine Beziehungen bemühen, meine Leidenschaften erforschen und entwickeln, ich will wachsen und zur Gesellschaft beitragen. Ich will aus der Comfort Zone heraus.

Ich will leben.

Matthias Büchse am 17. Mai 2016

Literatur, Quellen, Danksagung

zurück: Pressemitteilung
vor: Wort zum Sonntag

Impressum